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20 Jahre Notfallseelsorge Darmstadt und Umgebung

Am 2. Februar 2000 wurde die Notfallseelsorge Darmstadt und Umgebung gegründet, deren Leiter Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun bis heute ist. Am 2. Februar 2020 wird das Jubiläum im Offenen Haus gefeiert und Haupt- und Ehrenamtliche gewürdigt. In dem Festgottesdienst werden zehn neue ehrenamtliche Notfallseesorgerinnen und Notfallseelsorger beauftragt.

Zutrauen ins Leben geben
Notfallseelsorge Darmstadt und Umgebung feiert am 2. Februar 20-jähriges Bestehen

Die Zeit war reif, die Gesellschaft hatte sich verändert. Dass man sich um die Seele kümmern muss, wurde stärker wahrgenommen. So beschreibt Heiko Ruff-Kapraun die Voraussetzungen, dass vor 20 Jahren die Notfallseelsorge ins Leben gerufen werden konnte. Tragische Ereignisse wie die Flugschau-Katastrophe von Ramstein 1988, das Flugtagunglück 1983 in Frankfurt, bei dem eine ganze Pfarrfamilie ausgelöscht wurde, letztendlich die Bahnkatastrophe von Eschede 1998 trugen zu einem Bewusstseinswandel bei. Seelische Stabilität und Ressourcen für die Seele wurden in den Blick genommen, sagt Heiko Ruff-Kapraun. Eine Art „Graswurzelbewegung“ entstand in der Kirche, Notfallseelsorgesysteme wurden ausgebaut, auch Krankenhaus-, Hospiz- und Trauerseelsorge waren zunehmend gefragt. Am 2. Februar 2000 beauftragte Pröpstin Karin Held die Notfallseelsorge Darmstadt und Umgebung, die die Evangelischen Dekanate Darmstadt-Stadt und Darmstadt-Land umfasst und bis heute in Darmstadt angesiedelt ist.

An Pfingsten 2001 wurde Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun als Leiter der Notfallseelsorge Darmstadt und Umgebung beauftragt, der er bis heute ist. Aktuell arbeiten rund 50 Ehrenamtliche mit. Seit 2015 beteiligt sich auch die  katholische Kirche an der Notfallseelsorge, Susanne Fitz vom Katholischen Dekanat Darmstadt gehört als Hauptamtliche zum Leitungsteam. Diesem gehören neben ihr und dem Leiter Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun auch Pfarrer Markus Großkopf, der seinen Dienst in der Notfallseelsorge im Nebenamt betreibt, sowie vier gewählte Ehrenamtliche an. Am Sonntag, 2. Februar, feiert die Notfallseelsorge Darmstadt und Umgebung ihr 20-jähriges Bestehen. Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse vom Evangelischen Dekanat Darmstadt-Stadt, Dekan Arno Allmann vom Evangelischen Dekanat Darmstadt-Land und Dekan Dr. Christoph Klock vom Katholischen Dekanat Darmstadt gestalten den Gottesdienst im Offenen Haus, und führen zehn neue ehrenamtlich Mitarbeitende in ihren Dienst ein. „Menschen in Not beizustehen, ist eine Grundaufgabe von Kirche“, sagt Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse, „ich bin froh, dass es die Notfallseelsorge gibt und danke allen Ehren- und Hauptamtlichen sehr herzlich für ihr hohes Engagement.“

Frieder Haug ist von Anfang an dabei. Er erinnert sich an den Anruf von Dr. Peter Held, dem damaligen Krankenhauspfarrer in Darmstadt, der gemeinsam mit Pfarrer Reinhard Herrenbrück die Initiative zur Notfallseelsorge vor mehr als 20 Jahren in Darmstadt ergriff. Als Schulpfarrer an der Berufsschule Erasmus-Kittler-Schule in Darmstadt hatte Frieder Haug täglich mit jungen Feuerwehrleuten zu tun, die ihre Einsätze vom Wochenende verarbeiten mussten, etwa, wenn sie Unfallopfer aus Autos herausschneiden mussten. „Ich habe sofort ja gesagt“, so Frieder Haug. Die ersten Anfänge der Notfallseelsorge in Darmstadt waren geboren. Zu dritt überlegten die Pfarrer der ersten Stunde, wie eine Ausbildung aussehen könnte, Elemente aus der Krankenhausseelsorge wurden  übernommen. Erste Kontakte zu Feuerwehr, Rettungsdiensten und Polizei wurden aufgenommen. „Ich habe ein Praktikum auf dem Notarztwagen gemacht“, erinnert sich Frieder Haug. Ein Unterstützer war hier auch der Darmstädter Notarzt Dr. Klaus Rimbach.

Im Laufe der 20 Jahre hat die Notfallseelsorge immer mehr an Fachlichkeit gewonnen, sagt der Leiter Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun, der den Aufbau maßgeblich geprägt hat. Mit den Sicherheitsmaßnahmen bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland habe sich die Zusammenarbeit zwischen Notfallseelsorge und Katastrophenschutz verstärkt. Seit 2007 gibt es Standards vom Bundesministerium des Inneren für die psychosoziale Notfallversorgung, womit laut Ruff-Kapraun die seelische Notfallversorgung verbindlicher Teil in der Rettungskette wurde und es eine Grundlage für die Ausbildung Ehrenamtlicher gibt. Heute durchlaufen diese eine komplexe Ausbildung mit 80 Unterrichtseinheiten. Während ihres Dienstes können sie selbst Supervision in Anspruch nehmen. Keine Rede mehr von „Kopfstreichlern mit Klappaltar“, wie die Notfallseelsorger anfangs zuweilen genannt wurden. Heute wird die Notfallseelsorge als ergänzende Maßnahme über die Leitstelle selbstverständlich dazu gerufen.

Ingrid Hirsch-Kiefer ist seit zehn Jahren ehrenamtlich bei der Notfallseelsorge tätig. Sie hat ihre Ausbildung bei Pfarrer Andreas Mann in Wiesbaden gemacht, der den Aufbau der Notfallseelsorge auch in Darmstadt unterstützt hat. Persönlich durch einen Unfall ihres Sohnes betroffen hätte sie sich in ihrer damaligen ungewissen Situation gewünscht, „dass uns jemand begleitet und auffängt“. „Es ist ein heftiges Übergehen in eine andere Realität“, beschreibt Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun die Notsituation Betroffener, „ein Ausnahmezustand“. Dafür sei die Notfallseelsorge da: Nach dem S.O.S.-Prinzip - Stabilisieren, Orientieren, Schützen - begleiten Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger vor Ort Angehörige, aber auch Einsatzkräfte. Dankbar ist Ingrid Hirsch-Kiefer für ihre Tätigkeit: „Ich möchte auch ein Stück zurückgeben, was ich bekommen habe“, sagt die Ehrenamtliche. Für sie sei es wichtig, „da zu sein, abzufedern, Hoffnung zu spenden“. Dies sei auch ein Akt der Nächstenliebe für sie. Auch Frieder Haug ist dankbar, dass er diese sinnvolle Aufgabe schon so lange tun darf: „Ich bekomme auch etwas zurück.“

Auch wenn Notfallseelsorger und Notfallseelsorgerinnen durch ihre Ausbildung gut vorbereitet werden, seien sie doch nicht immer vor eigener Aufregung und Unruhe gewappnet. Doch diese seien auch „gute Berater“, um mit den Betroffenen „auf Augenhöhe“ zu sein, so Heiko Ruff-Kapraun. Hilfreich sei es, die menschlichen Mechanismen von Reaktionen in Notfallsituationen zu kennen, was er in der Ausbildung anschaulich lehrt. Bestandteile der Ausbildung sind Gesprächsführung, Traumatologie und der Kontakt zu den Gliedern der Rettungskette - Feuerwehr, Notdienste, Polizei. Die Ehrenamtlichen übernehmen per Einsatzplan jeweils zu zweit Schichten der Rufbereitschaft.

Bei 3000 Einsätzen in den 20 Jahren, also im Schnitt drei pro Woche, hätten die Mitarbeitenden „Zutrauen ins Leben“ gegeben. „Wir kommen mit leeren Händen“, sagt Frieder Haug, „Mensch sein, da sein, Zeit haben, Ruhe hineinbringen, mit aushalten, zur Verfügung stehen für andere in einer ausweglosen Situation“, beschreibt er die zentralen Aufgaben der Notfallseelsorge. Er persönlich fühle sich „von der Erfahrung geleitet und vom Glauben gestärkt“. „Wir bieten Arm, Schulter und Herz“, bringt es Ingrid Hirsch-Kiefer auf den Punkt, „wir wollen Geländer sein, stützen und Struktur geben.“ Dazu gehöre für sie auch „ein hohes Maß an Demut, dass das Leben zerbrechlich ist“. Wenn ein gewisses Maß an Stabilität gekommen sei, Verwandte eingetroffen und „alte Strukturen greifen“, verabschiedeten sich die Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger.


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